3. März 1667 in Hoff (Trzęsacz), Pommern; † 30. April 1728 in Wien)

FlemmingEs wäre erfreulich, wenn ein Geschichtsschreiber von klarem Blick uns eine Würdigung dieses Günstling Augusts schenken wollte, ein solcher, der die Urteile der Zeitgenossen auf ihren Wert zu prüfen versteht. Günstling war er deswegen, weil der August als treuer Diener erschien. Loen erzählt, daß er diesen gelegentlich als „Bruder“ mit „Du“ anredete, dies zwar nach reichlichem Weingenuß. Es dürfte doch wahrscheinlich sein, daß nur dieser ihn verleitete, eine Vertraulichkeit vor anderen zu zeigen, wenn er sonst natürlich im öffentlichen Verkehr mit Seiner Majestät den dienstlichen Ton einzuhalten verstand. Es liegt eine Anzahl Briefe in der Öffentlichen Bibliothek in Dresden, aus denen man sieht, daß er im Verkehr mit Leibnitz, Thomas, dem englischen Philosophen John Toland und der Königin Charlotte von Preußen die ernstesten Fragen über die höchsten Dinge behandelte, Briefe von rund siebzig Seiten, daß er in gleichem Sinnen seinen Neffen, dem Starosten Peter Przebendowsky schrieb, also nicht der windige Geselle war, als den der Klatsch ihn hinstellte.
Spricht doch selbst die böse Zunge der Markgräfin von Bayreuth mit Anerkennung von ihm. Man wird also noch festzustellen haben, welche die Verdienste des Feldmarschalls und Ministers waren, die August veranlaßten, ihn so hoch zu heben. Loen schildert ihn als verwegenen und unvorsichtigen Soldaten. Er glaube, sich als Politiker verstellen zu müssen, sei aber im Grunde aufrichtig, dabei kühn in seinen Unternehmungen, rasch im Entschluß, unermüdlich bei der Arbeit. Seine Leistungen seien erstaunlich: wenn er hundert Menschen angehört und Bescheid gegeben habe, schlafe er auf einem Sessel und sei, sobald er geweckt werde, sofort wieder frisch. So erscheine er für die Geschäfte geboren, auf seiner Kanzlei werde Tag und Nacht gearbeitet, sie bilde die hohe Schule für junge Beamte. Wolfframsdorf, der alle Beamten des Königs schlecht zu machen bestrebt war, wirft Flemming vor, daß er dem König nicht genug Achtung erwies und ihn zu beherrschen suchte. Das sagt Wolfframsdorf in der böswilligen Absicht, daß der König es lese, um diesen vor dem Einfluß Flemmings zu warnen, den König aber an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen. Loen sieht die Sache anders: Er schiebt die auch von ihm bemerkte Unehrerbietung Flemmings gegen den König der engen Freundschaft zu: „Der König lacht darüber, und damit ist alles wieder gut“. Denn Flemming sei ein großer Mann und dem König sehr treu. Der Ergebenheit begegnet ein Fürst ja auf Schritt und Tritt. Er ist froh, wenn er einmal ein gerade Wort hört. Viele klagten über des Ministers unlautere Geschäfte und Bestechlichkeit, hatte er sich doch gerade in der Kunst geschickten Bestechens in Polen bewährt. Das hierzu nötige Geld zu beschaffen, war sicher nicht leicht gewesen. Wir erfahren, daß der Hofjude Behrend Lehmann dabei beteiligt war. Wenn Flemming später von August sagte, er habe das Geld für seine politischen Zwecke ohne viel Wahl genommen, wo er es fand, so zeigt sich, daß flüssiges Kapital zu dem großen Geschäft der Erlangung der Krone nur bei den Juden zu finden war. Nicht das Bestechen schien also Flemming bedenklich, sondern daß August sich geheim zu haltenden Zwecke einem Juden verpflichtete. Ob ihn aber die Gewandtheit Flemmings im Bestechen beunruhigt hat, scheint mir sehr fraglich. Gab es doch an allen Höfen Leute, von denen man offen erzählte, daß sie Geld von fremden Mächten bezögen. Man hielt dies zwar nicht für ein löbliches Treiben, aber man zahlte auch solches ins Nachbarsland. Es galt für den Politiker als Aufgabe der Klugheit, die Bestrebungen solcher Leute nach ihrer Herkunft richtig einzuschätzen...

Cornelius Gurlitt: August der Starke – Ein Fürstenleben aus der Zeit des Deutschen Barock - Sibyllen-Verlag zu Dresden, 1924